Die Blockchain im Gesundheitswesen

Blockchain in healthcare

Die Blockchain im Gesundheitswesen

6. Juli 2017 Blockchain 2

Der Begriff „Blockchain“ ist in aller Munde. Aktuell wird viel über potenzielle Einsatzbereiche dieser Technologie diskutiert, wo man sie von ihrem Ursprung her nicht vermuten würde. So beispielsweise auch im Gesundheitswesen.

In anderen Branchen wird das Blockchain-Konzept bereits in Pilotprojekten angewendet. In der Gesundheitsindustrie – gerade in Deutschland – wird ihrer Integration noch relativ skeptisch gegenübergestanden. Das liegt unter anderem an den hohen bürokratischen Auflagen sowie der grundsätzlichen Skepsis gegenüber neuen Technologien und damit potenziell einhergehenden Risikofaktoren in Sachen Privatshpäre und Datenschutz.

Die Potenziale, die die Blockchain-Technologie für das Gesundheitswesen birgt, legen eine nähere Betrachtung möglicher Anwendungsbereiche jedoch dennoch nahe.

Die Blockchain

Die sogenannte Blockchain kann am anschaulichsten als eine digitale Datenbank beschrieben werden, die sich im Gegensatz zu traditionellen Datenbanken durch drei Haupteigenschaften auszeichnet: Dezentralität, Unveränderlichkeit und Transparenz.

Dezentral

Anders als zentrale Strukturen liegt diese „Distributed Ledger Technology“ in Form eines Netzwerks vor: Auf jedem beteiligten Rechner liegt eine Kopie der Blockchain. Dies macht die Gesamtheit der Daten beinahe vollständig manipulationssicher. Ein Beispiel aus dem Finanzsektor veranschaulicht diesen Unterschied sehr treffend: Während im traditionellen Finanzwesen die Bank die zentrale Instanz darstellt, der die „Nutzer“ vertrauen müssen, kann diese zentrale Autorität in Netzwerk-Strukturen wegfallen. Alle Kryptowährungen (z.B. Bitcoin) funktionieren nach diesem Prinzip. Es gibt keine „Kryptobank“ – die Transaktionen laufen vollständig autonom über die Nutzer und deren Endgerät.

Unveränderlich

Daten können der Blockchain nur hinzugefügt, jedoch weder verändert noch gelöscht werden. So bleiben sämtliche Daten in ihrem Ursprungszustand erhalten. Alle Transaktionen sind somit für alle Nutzer sichtbar. Geändert werden können lediglich die Zugriffsrechte, worauf in den konkreten Anwendungsbeispielen noch eingegangen wird.

Transparent

Die Transparenz erklärt sich bereits durch das dezentrale Vorliegen von Kopien bei allen an der Blockchain beteiligten Nutzern. Daten sind bei vorliegenden Zugriffsrechten jederzeit und uneingeschränkt einsehbar.

Mögliche Anwendungsbereiche im Gesundheitswesen

Gerade der Aspekt der Transparenz scheint im Gesundheitswesen zunächst deplaziert. Jedoch ist unter Transparenz in diesem Zusammenhang nicht zu verstehen, dass der Patient quasi „gläsern“ wird und seine Daten für Unbefugte einsehbar sind. Im Gegenteil: die Blockchain hat das Potenzial, die Gesundheitsbranche einen großen Schritt in Richtung Patientenzentrierung zu bringen.

Die Verwaltung medizinischer Daten in Form digitaler Patientenakten auf Basis der Blockchain-Technologie kann den Patienten „Herr seiner Daten“ werden lassen. Neben öffentlichen Blockchains, wie sie zum Beispiel für den Handel mit Kryptowährungen verwendet werden, gibt es auch private Blockchains, die den Zugriff nur hierzu Berechtigten erlauben. Außerdem besteht die Möglichkeit, Daten in externen Datenbanken zu speichern und in der Blockchain auf diese zu verweisen.

Ein Beispiel hierfür ist MedRec, eine Blockchain-basierte Technologie zur Verwaltung elektronischer Patientenakten, die sich noch in der Entwicklung befindet.
Untersuchungsbefunde wie Röntgen- und CT-Bilder, Medikamentenhistorien oder Ähnliches können in externen Datenbanken gespeichert und in die Blockchain eingebunden werden. Die Daten liegen also noch beim entsprechenden Gesundheitsdienstleister vor. In der Blockchain wird mit einem Index auf diese Daten verwiesen, sowie die entsprechenden Zugriffsrechte verwaltet. Der Patient kann sowohl entscheiden, wem er Zugriff auf seine Daten geben möchte, als auch selbst jederzeit auf diese zugreifen. So werden die Zusammenarbeit verschiedener Fachärzte des Patienten, sowie die Aufbewahrung und Verwaltung der eigenen Daten erheblich erleichtert.

Außerdem besteht auf Basis dieser Technologie die Möglichkeit, Gesundheitsdaten, die mit Fitness-Trackern, Smartwatches oder Ähnlichem gewonnen werden, an die Blockchain anzufügen und diese auswerten zu lassen. So kann ein individuelles Frühwarnsystem für den Patienten geschaffen werden, welches ihn über seinen Gesundheitsstatus informiert. Die Transaktion besteht in diesem Anwendungsfall im Austausch der Auswertungsleistung durch Ärzte und Wissenschaftler gegen die anonymisierte Weitergabe der Patientendaten für Forschungszwecke.

Im Bereich der medizinischen Forschung ist die Blockchain-Technologie außerdem sinnvoll für die Verwaltung von Studienergebnissen. Durch die Manipulationssicherheit und die Transparenz kann die Reliabilität von Forschungsergebnissen objektiv nachvollzogen werden. Außerdem kann auf diese Weise dem Problem der Frage nach Erstentdeckung entgegnet werden, da alle Daten und Transaktionen sichtbar und unveränderbar sind.

Eine weitere Funktion, die Distributed Ledger-Technologien erfüllen können, ist die Sicherung der Datenintegrität. Dies kann unter anderem im Bereich der Qualitätssicherung von Medikamenten eine wichtige Rolle spielen. So hat beispielsweise das Schweizer Startup modum.io ein Sensoren-System entwickelt, welches die Temperatur der Medikamente während des Transports vom Hersteller zu den Apotheken misst und diese Daten in der Blockchain speichert. Da die Informationen nachträglich nicht zu verändern sind und intersubjektiv nachvollzogen werden können, ist die Qualitätssicherung der Medikamente so ohne Zweifel gewährleistet.

In diesem Zusammenhang bietet die Blockchain-Technologie außerdem eine Lösung für die Vermeidung des Handels mit gefälschten Medikamenten, der auch in Deutschland ein durchaus ernstzunehmendes Problem darstellt. Sie kann eine manipulationssichere Arznei-Produktkette abbilden, die die Identität der Medikamente zweifelsfrei bestätigt. Dies kann beispielsweise durch auf den Medikamenten angebrachte QR-Codes realisiert werden, die auf die in der Blockchain gespeicherten Daten verweisen.

Ein Konzept zur Stärkung der Patientenbindung sowie zur Optimierung des Qualitätsmanagements hat die Dentacoin Foundation aus den Niederlanden geschaffen. Dieses basiert auf der Ethereum Blockchain und verbindet eine Kryptowährung mit immateriellen Werten in Form von digitalem Patienten-Feedback. Dentacoins (DCN) sind eine eigene Kryptowährung, die für die Dentalindustrie entwickelt wurde. Durch Ärztebewertungen, Weiterempfehlungen und Erfahrungsberichte sammeln Patienten Dentacoins, die sie wie Bitcoins in ihrer digitalen Wallet verwalten können. Durch die
Unveränderbarkeit der Daten sowie die Transparenz aller Transaktionen wird so das äußerst wertvolle Konzept der Trusted Reviews ermöglicht: Im Vergleich zu herkömmlichen Bewertungsportalen, auf denen die Authentizität der Beiträge nicht immer gewährleistet ist, wird hier sichergestellt, dass nur Feedback von „echten Patienten“ zulässig ist. Außerdem verhindert die Unmöglichkeit der Löschung der Daten, dass einzelne Bewertungen einfach ausgefiltert werden können. Der Presale der Dentacoins ist bereits gestartet. Auch nutzen die ersten Zahnkliniken die Kryptowährung schon für ihr Feedback-System, um Patientenbindung und Behandlungsqualität zu stärken.

 

 

Bedenken aus dem Gesundheitssektor

Wie bei jeder Innovation sehen sich auch Blockchain-basierte Lösungen für das Gesundheitswesen mit Zweifeln konfrontiert. Gerade in Deutschland könnte der Integration dieser Technologie die Sorgen um den Datenschutz der Patienten im Wege stehen. Deutsche Bürger haben ein Recht auf die Löschung ihrer Daten. In der Blockchain sind diese aber nachträglich nicht zu ändern oder zu löschen.

Hinzukommt, dass im Gesundheitsbereich der Datenschutz ein besonderer ist und strikten Reglementierungen unterliegt.

Einen weiteren Aspekt stellt die Tatsache dar, dass in der Regel bestehende Datenbank-Systeme von Praxen und Kliniken in ihrer Integration bereits einiges an finanziellem und verwaltungstechnischem Aufwand gekostet haben und somit nicht ohne Weiteres verworfen werden.

Auch gibt es Bedenken darüber, wie diese neuen Lösungen konkret in den Praxis- und Klinikalltag integriert werden sollen. Die Verwaltungswege sind oft so lang, dass eine Datenverwaltung in Echtzeit problematisch erscheint.

Ein weiterer Faktor ist die Angst vor Arbeitsplatzreduktion: Als disruptive Technologie können Blockchain-basierte Lösungen Aufgaben übernehmen, die bisher von traditionelleren Technologien oder Mitarbeitern erledigt wurden.

 

Ausblick

Auch im Gesundheitssektor hat die Blockchain enorme Potenziale, die jedoch nur bei einer gut durchdachten und klar strukturierten Anwendung ausgeschöpft werden können.
Diese Potenziale sind hauptsächlich die Reduzierung von Komplexität, die Ermöglichung dezentraler Zusammenarbeit, sowie die Erstellung und Verwaltung zuverlässiger und sicherer Daten.

Jedoch befinden sich die meisten Lösungen, die auf dieser Technologie basieren, noch im Entwicklungsstadium und müssen zweifellos in ihrer Anwendung getestet werden, bevor ihre vollständige Integration in den Gesundheitsbereich stattfinden kann.

About the author

Annica Kenkmann: B.A Kommunikationswissenschaft, B.A. Philosophie. Konzeptioniererin und Texterin bei der Krings Kommunikation GmbH, einer Beratung für Klinik- und Praxismarketing mit Sitz im Münsterland.

2 Comments

  1. Ulrike Eckert

    6. Juli 2017
    Antworten

    Ein sehr interessanter Artikel!

  2. Sebastian Neumann

    18. November 2017
    Antworten

    Für die Arzneimittelsicherheit von Apotheken ist die Blockchain eine wichtige technologische Errungenschaft.

    Vielen Dank für den klasse Artikel zu dem Thema.

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